"Servus!" statt "Schalom": Münchens kulturelle Gratwanderung mit Lahav Shani
Ella Wagner"Servus!" statt "Schalom": Münchens kulturelle Gratwanderung mit Lahav Shani
Die Münchner Philharmoniker haben ihren neuen Musikdirektor, Lahav Shani, mit einer Kampagne begrüßt, die stark auf bayerische Traditionen setzt. Auf Plakaten ist sein Gesicht neben dem Wort "Servus!" zu sehen – ein lockerer Gruß, wie er im Süden Deutschlands üblich ist. Dieser Ansatz steht in krassem Gegensatz zur kosmopolitischen "Welcome!"-Kampagne Berlins für Simon Rattle vor einigen Jahren.
München hat eine lange Tradition darin, ausländische Einflüsse mit lokalen Bräuchen zu verbinden, statt sich offen zum Multikulturalismus zu bekennen. Frühere Werbeaktionen verwandelten Fußballstars wie Franck Ribéry und Arjen Robben in Volksmusik-Clowns. Selbst Ministerpräsident Markus Söder ließ sich bereits mit einem "Söder-Döner" fotografieren – eine Hommage an die türkische Küche, aber stets in einen bayerischen Kontext eingebettet.
Die Öffentlichkeitsarbeit des Orchesters war bei Führungswechseln oft defensiv. Als Shanis Ernennung Debatten über Antisemitismus auslöste, wiesen Verantwortliche Kritik an seiner Nichtberücksichtigung bei Festivals als "skandalös" zurück und bezeichneten die Kontroverse sogar als "kostenlose Publicity". Manche Beobachter werfen der Stadt vor, eine Chance verpasst zu haben, Offenheit zu signalisieren – etwa durch die Verwendung von "Schalom" statt "Servus!" in der Kampagne für Shani.
Unterdessen dirigierte ausgerechnet Simon Rattle das jüngste "Symphonic Hoagascht" des Orchesters – ein musikalisches Treffen im bayerischen Stil. Die Veranstaltung unterstrich, wie München internationale Talente gern in blau-weiße "Bayernkult"-Folklore hüllt, statt vielfältige Identitäten für sich sprechen zu lassen.
Die Diskussion über Münchens kulturelle Selbstdarstellung dauert an, während die Philharmoniker unter Shani ein neues Kapitel aufschlagen. Zwar bleiben die Traditionen der Stadt zentral, doch wachsen die Forderungen, sich aus der Komfortzone herauszuwagen. Vorerst jedoch bleibt der Auftritt des Orchesters fest in lokalen Bildern verankert – selbst wenn das bedeutet, aus einem Weltklasse-Dirigenten einen "Servus!" sagenden Bayern zu machen.






