07 May 2026, 12:12

Halberstadts verdrängte jüdische Vergangenheit und der DDR-Antifaschismus-Mythos

Plakette an einer Steinwand mit der eingravierten Inschrift "Adolf Abraham".

Halberstadts verdrängte jüdische Vergangenheit und der DDR-Antifaschismus-Mythos

Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf untersucht, wie die antifaschistische Politik der DDR das Erbe der jüdischen Gemeinde Halberstadts ignorierte. In „Verweigerte Erinnerung“ analysiert der Autor auch den fortbestehenden Antisemitismus in der Region – sowohl vor als auch nach der deutschen Wiedervereinigung. Aktuelle Ereignisse, darunter der umstrittene Verkauf eines Grundstücks im Jahr 2018, haben die Debatte über die belastete Vergangenheit der Stadt neu entfacht.

Halberstadt war einst ein blühendes Zentrum des neorthodoxen Judentums. Zwischen 1938 und 1942 wurde die jüdische Gemeinde systematisch vernichtet. Die Synagoge der Stadt wurde 1938 zerstört – ein Akt, den Pfarrer Martin Gabriel später als Beginn des größeren Niedergangs Halberstadts bezeichnete.

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1949 wurde am ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt ein Mahnmal enthüllt, das an die Opfer der Zwangsarbeit in den unterirdischen NS-Rüstungsfabriken erinnerte. Zwei Jahrzehnte später wurde die Stätte zu einem Ort für politische Treuegelöbnis umgestaltet. In den 1970er-Jahren diente sie sogar als militärisches Lager.

Grafs Recherchen zeigen, dass die DDR trotz der Präsenz bekannter jüdischer Persönlichkeiten wie Lin Jaldati, Peter Edel und Jurek Becker jüdisches Kulturerbe nie offiziell anerkannte. Sein Buch argumentiert, dass die antifaschistische Rhetorik des Staates tiefere Versäumnisse bei der Auseinandersetzung mit Antisemitismus überdeckte. Die Folgen sind bis heute spürbar – etwa 2018, als der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen Vorwürfe eines „Verkaufs an die Juden“ auslöste.

Die Erkenntnisse des Buches fordern eine Neubewertung alter Analyseansätze zu Faschismus und Antisemitismus heraus. Graf verdeutlicht, wie autoritäre Tendenzen sowohl in der DDR als auch im wiedervereinigten Deutschland fortbestanden – und eine fortlaufende kritische Auseinandersetzung erfordern.

Grafs Arbeit verbindet die historischen Lücken in der antifaschistischen Erzählung der DDR mit heutigen Spannungen in Halberstadt. Der Grundstücksstreit von 2018 und die unbewältigte Vergangenheit der Stadt unterstreichen die Notwendigkeit, wachsam gegen Antisemitismus zu bleiben. Seine Forschung ist ein Appell, sich damit auseinanderzusetzen, wie Geschichte erinnert wird – und was bis heute verdrängt bleibt.

Quelle