Thüringens neues Polizeigesetz: KI-Überwachung spaltet Politik und Gesellschaft
Tim LangThüringens neues Polizeigesetz: KI-Überwachung spaltet Politik und Gesellschaft
Thüringens geplantes Polizeigesetz entfacht Streit über KI-gestützte Überwachung
Der Entwurf für ein neues Polizeigesetz in Thüringen hat eine hitzige Debatte über den Einsatz von KI-basierten Überwachungswerkzeugen ausgelöst. Da der regierenden Koalition die parlamentarische Mehrheit fehlt, ist sie auf die Stimmen entweder der rechtspopulistischen AfD oder der Linken angewiesen, um das Gesetz durchzubringen. Kritiker, darunter Ronald Hande, innenpolitischer Sprecher der Linken, warnen, der Entwurf gefährde bürgerliche Freiheitsrechte und lenke Ressourcen von der klassischen Polizeiarbeit ab.
Das geplante Gesetz würde es der Polizei ermöglichen, KI-Tools wie Verhaltensscanner, Gesichtserkennung und die automatisierte Auswertung von Überwachungsdaten einzusetzen. Dazu zählen unter anderem abgehörte Gespräche, Funkzellendaten, Informantenberichte und Social-Media-Aktivitäten, die bereits in Strafakten gespeichert sind. Hande äußert sich skeptisch und betont, solche Systeme kehrten die Unschuldsvermutung um, indem sie Bürger zu bloßen Datenpunkten in einer Maschine degradierten, die "Personen von Interesse" markiere.
In Erfurt sind bereits Videokameras mit automatisierter Verhaltensanalyse installiert worden – zu Kosten von rund 720.000 Euro über fünf Jahre. Hande bezeichnet das System als "gefährliches Sicherheitstheater" und einen "vollendeten Fakt", da für die Umsetzung 1.416 volle Zwölf-Stunden-Schichten nötig waren – Zeit, die stattdessen in Streifendienste und Kriminalprävention hätte fließen können.
Die Linke lehnt den aktuellen Entwurf wegen der KI-Bestimmungen und der erweiterten Polizeibefugnisse ab, zeigt sich aber grundsätzlich offen für eine Modernisierung, die verfassungsgemäße Rechte wahrt. Hande betont, neue Instrumente müssten verhältnismäßig, wirksam und notwendig sein. Zudem warnt er vor künftigem Missbrauch, etwa durch einen AfD-Innenminister, der diese Befugnisse erben könnte.
Der Einsatz von KI-Überwachung hat in Deutschland insgesamt zugenommen: Bundesländer wie Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bayern setzen bereits auf Tools wie Predictive Policing oder Echtzeit-Gesichtserkennung. Zwar gelten strenge Vorgaben durch den EU AI Act und das Bundesdatenschutzgesetz, doch Kritiker halten diese für unzureichend, um Machtmissbrauch zu verhindern.
Das Schicksal des Gesetzes hängt nun davon ab, ob die Koalition die Unterstützung der Linken oder der AfD gewinnen kann. Sollte es verabschiedet werden, würde es die Überwachungsmöglichkeiten der Polizei deutlich ausweiten – während Gegner vor verlorenen Polizeistunden und Risiken für die Bürgerrechte warnen. Die Debatte spiegelt die grundsätzliche Spannung wider, Sicherheitbedürfnisse mit Grundrechten in einer Ära rasanten technologischen Fortschritts in Einklang zu bringen.