Warum Mädchen in der Schule Jungen überholen – und was Klischees damit zu tun haben
Ella WagnerEin Junge? - Warum einige Eltern damit hadern - Warum Mädchen in der Schule Jungen überholen – und was Klischees damit zu tun haben
Eltern stellen sich ihr zukünftiges Kind oft als Spiegelbild ihrer selbst vor – doch die Realität entspricht selten den Erwartungen. Sobald ein Baby da ist, rückt das Geschlecht häufig in den Hintergrund, während Persönlichkeit und Bedürfnisse in den Vordergrund treten. Dennoch prägen gesellschaftliche Vorlieben und Klischees nach wie vor, wie Jungen und Mädchen wahrgenommen werden – sei es in der schulischen Leistung, im Verhalten oder in familiären Rollen.
In den vergangenen 20 Jahren haben Mädchen in Deutschland Jungen in der Bildung konsequent überflügelt. Die PISA-Studien zeigen einen Vorsprung von 20 bis 30 Punkten in den Bereichen Lesen und Sprachen, während Jungen leichte Vorteile in Mathematik und Naturwissenschaften haben. Die Kluft hat sich vergrößert: 2005 erwarben etwa 35 Prozent der Mädchen das Abitur (die Hochschulreife), bei den Jungen waren es 30 Prozent. Bis 2025 werden voraussichtlich über 50 Prozent der Mädchen ihr Abitur machen – bei den Jungen liegen es dagegen nur bei 40 Prozent. Zudem scheitern Jungen häufiger in der Grundschule und erhalten seltener eine Empfehlung für den gymnasialen Bildungsweg.
Trotz dieser Entwicklungen halten sich Klischees hartnäckig. Mädchen gelten oft als anpassungsfähiger, fürsorglicher und fleißiger, während Jungen als wild und unkonzentriert abgestempelt werden. Jungen verbringen mehr Zeit mit digitalen Spielen und fangen früher damit an, Mädchen sind dagegen aktiver in sozialen Medien. Auch im schulischen Verhalten zeigen sich Unterschiede: Bei Jungen fallen Verhaltensauffälligkeiten stärker auf, was zu häufigeren ADHD-Diagnosen führt, während Mädchen öfter mit Depressionen und Ängsten kämpfen.
Manche Eltern geben offen zu, von #GenderDisappointment betroffen zu sein – also enttäuscht zu sein, wenn das Geschlecht ihres Kindes nicht ihren Wünschen entspricht. In westlichen Kulturen werden Töchter mitunter bevorzugt, weil man ihnen ein ausgeglicheneres Wesen zuschreibt. Doch selbst mit solchen Vorurteilen garantiert eine Tochter keine Pflege im Alter, denn obwohl Frauen häufiger die Betreuung von Angehörigen übernehmen, stoßen auch sie an Grenzen und treffen eigene Entscheidungen.
Die bildungsbezogene Kluft zwischen Mädchen und Jungen wächst weiter: Mädchen glänzen in der Schule, sehen sich aber weiterhin Herausforderungen wie einem erhöhten Risiko für vorzeitigen Schulabbruch ausgesetzt. Jungen hingegen haben mit Verhaltenserwartungen und schulischen Hürden zu kämpfen. Zwar beginnen Eltern oft mit festen Vorstellungen über Geschlechterrollen – doch im Alltag mit dem Kind verschiebt sich der Fokus meist auf individuelle Stärken und Bedürfnisse statt auf Klischees. Die Daten zeigen langfristige Trends, doch die Familiendynamik bleibt komplex und persönlich.